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Den fairen Wert einer Aktie auf Basis der historischen Dividendenrendite ermitteln

Für die Ermittlung des fairen Wertes einer Aktie gibt es zahlreiche Berechnungsmodelle. Jedes Modell hat dabei seine Vor- und Nachteile.

 

Das Discounted Cash-Flow Verfahren (DCF) ist wissenschaftlich und mathematisch das genauste Verfahren. In der Theorie. In der Praxis stellt es den Privatanleger vor große Probleme. Es müssen zahlreiche Annahmen und Schätzungen vorgenommen werden. Die Annahmen und Schätzungen wirken sich maßgeblich auf das Ergebnis - den fairen Wert der Aktie aus. Um das DCF-Verfahren korrekt durchzuführen ist zudem ein erheblicher Zeitaufwand erforderlich.

 

Als Privatanleger kann man sich daher auch leichter anzuwendenden Verfahren zur Ermittlung des fairen Wertes einer Aktie zuwenden. Die Ergebnisse sind in der Regel nicht schlechter als beim DCF-Verfahren. Den einen fairen Wert einer Aktie gibt es sowieso nicht. Man kann sich ihm immer nur nähern.

 

Ich nutze zur Bestimmung des fairen Wertes einer Aktie u.a. die historischen Dividendenrendite des zu bewertenden Unternehmens. Im Folgenden stelle ich dieses Bewertungsmodell im Detail vor.

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Historische Dividendenrendite - Berechnungsformel und Theorie des fairen Wertes

Die Formel zur Ermittlung des fairen Wertes einer Aktie auf Basis der historischen Dividendenrendite leitet sich aus der Formel zur Berechnung der aktuellen Dividendenrendite einer Aktie her.

 

Die Dividendenrendite ermittelt sich wie folgt:

 

Dividendenrendite = Dividende / Kurs

 

Beispiel:  Der Chemiekonzern BASF zahlt eine Dividende von 3,00 EUR je Aktie. Der aktuelle Börsenkurs der BASF-Aktie beträgt 94,00 EUR. Die aktuelle Dividendenrendite beträgt 3,19% (=3 EUR/94 EUR).

 

Die Formel stellt man nun nach dem Kurs um. Statt der aktuellen Dividendenrendite wird die historische Dividendenrendite eingesetzt. Das Ergebnis nach Umstellung der Formel sieht dann so aus:

Das Ergebnis der Berechnungsformel ist der Kurs des fairen Wertes der Aktie. Schauen wir uns nun die Formel im Detail an:

Dividende

Die Dividende lässt sich einfach bestimmen.  Ich verwende in der Regel die letzte gezahlte Dividende. Man kann aber auch die für das aktuelle Geschäftsjahr erwartete Dividende verwenden.

Historische Dividendenrendite

Wie ermittelt man nun die historische Dividendenrendite?

 

Zunächst sollte man einen ausreichend langen zurückliegenden Zeitraum von Dividendenzahlungen nehmen. Der Zeitraum sollte mindestens 3 Jahre, besser 5 oder 10 Jahre umfassen.

 

Man ermittelt dann für jedes zurückliegende Geschäftsjahr die durchschnittliche Dividendenrendite.

 

Hierfür benötigt man:

  1. Die für das Geschäftsjahr gezahlte Dividende.
  2. Den durchschnittlichen Aktienkurs des Jahres.

! Achtung !

 

Die bei den einschlägigen Finanzportalen sowie zum Teil auch in den Investor Relations Bereichen des Unternehmens angegebene Dividendenrendite des Geschäftsjahres bezieht sich in der Regel immer auf einen Stichtagskurs. Das heißt, es wird die Dividende zum Beispiel zum Kurs am 31. Dezember ins Verhältnis gesetzt.

 

Mir ist dies zu ungenau. Ich ermittele daher den durchschnittlichen Aktienkurs des Jahres mit Hilfe einer Excel-Tabelle. Über das Finanzportal ariva.de importiere ich mir die historischen Aktienkurse auf Tagesbasis (um Aktiensplits bereinigt) und ermittele daraus einen Jahresdurchschnittskurs.

 

Alternativ kann man zum Beispiel auch den Mittelwert aus den Kursen am 31. März, 30. Juni, 30. September und 31. Dezember des Geschäftsjahres verwenden. Dieser Mittelwert kommt dem Jahresdurchschnittskurs meiner Erfahrung nach sehr nahe.

 

Nach dem man auf diese Weise die historischen Dividendenrendite eines vergangenen Geschäftsjahres ermittelt hat, wiederholt man diese Übung für die übrigen Geschäftsjahre des Betrachtungszeitraums. Excel hilft hier natürlich wieder.

 

Zum Schluss bildet man aus den so ermittelten historischen Dividendenrenditen einen Mittelwert. Entweder man verwendet das arithmetische Mittel oder den Median. Der Median hat den Vorteil, dass Ausreißer den Mittelwert nicht verzerren.

 

Jetzt wird der historische Mittelwert der Dividendenrendite in die Formel eingesetzt und der fairer Wert der Aktie kann ermittelt werden.

Die Theorie

Das dargestellte Modell zur Ermittlung des fairen Wertes auf Basis der historischen Dividendenrendite basiert im Wesentlichen auf dem statistischen Effekt der Regression zur Mitte bzw. dem Mean-Reversion-Effekt.

 

Übertragen auf die Aktienbewertung wird unterstellt, dass ein Unternehmen eine spezifische, im langjährigen Durchschnitt gleichbleibende Dividendenrendite aufweist. Besonders hohe oder besonders niedrige Dividendenrenditen kehren nach diesem Konzept immer wieder zu einem langjährigen Mittelwert zurück. Dieser Mittelwert entspricht dann dem fairen Wert.

 

Voraussetzung für die Anwendung dieses Bewertungskonzeptes ist, dass sich der Charakter des Unternehmens und die grundlegende Markteinschätzung des Unternehmens im Laufe des Betrachtungszeitraums nicht wesentlich verändert hat. 

 

Eine Umstrukturierung, bei der wesentliche Unternehmensteile verkauft wurden, würde also gegen die Anwendung diese Bewertungskonzeptes sprechen. Haben die Gewinne des Unternehmens über Jahre hinweg stagniert und wachsen nun plötzlich mit hohen Zuwachsraten, ist das Verfahren auch eher ungeeignet.

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Fairer Wert auf Basis der historischen Dividendenrendite am Beispiel

Nun wollen wir uns das ganze an einem Beispiel ansehen. Nehmen wir dazu wieder den Chemiekonzern BASF SE. Wir betrachten einen Zeitraum von 10 Jahren und ermitteln daraus die historische Dividendenrendite.

 

Geschäftsjahr Dividende/ Aktie Jahresdurchschnittskurs Dividendenrendite
2007 1,95 44,56 4,38%
2008 1,95 38,74 5,03%
2009 1,70 31,71 5,36%
2010 2,20 46,97 4,68%
2011 2,50 57,01 4,39%
2012 2,60 62,21 4,18%
2013 2,70 71,97 3,75%
2014 2,80 77,93 3,59%
2015 2,90 79,21 3,66%
2016 3,00 70,96 4,23%
       
    Median 4,31%
    Arithmetisches Mittel 4,33%

 

Die historische Dividendenrendite der BASF SE für einen 10 Jahreszeitraum beträgt 4,3%.  Aktuell hat die BASF SE wie im Eingangsbespiel dargestellt eine Dividendenrendite von 3,19%.  Die Aktie scheint nach diesem Bewertungskonzept also überbewertet. Wie hoch ist nun der faire Wert der Aktie?

 

Die Dividende beträgt 3,00 EUR. Die historische Dividendenrendite beträgt 4,3%. Setzen wir nun die Werte in die Formel ein, erhalten wir den fairen Wert der BASF-Aktie.

 

Der faire Wert beträgt also 69,77 EUR (3,00 EUR / 4,3%), rund 70 EUR je Aktie.

 

Die BASF-Aktie ist also nach diesem Bewertungskonzept mit einem aktuellen Kurs von 94,00 EUR überbewertet.  Nun gilt es in der weiteren, eigenen Analyse herauszuarbeiten, ob diese hohe Bewertung gerechtfertigt ist.

 

HINWEIS

Das vorgestellte Bewertungsmodell sollte nie allein und isoliert verwendet werden. Es sind stets weitere Kennzahlen und Recherchen in die Analyse mit einzubeziehen.

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Kommentare: 6
  • #1

    Sacha Heck (Montag, 11 Dezember 2017 22:28)

    Hallo Thomas,

    Danke für diesen praktischen Ansatz. Ich mag solche praxisorientierte Modelle und versuche das in mein Strategie aufzunehmen bei meinem nächsten Screening :)

    Viele Grüße,
    Sacha

  • #2

    finanzsenf.de (Dienstag, 12 Dezember 2017 08:51)

    Hallo Sacha,

    Danke für deinen Kommentar. Ich habe mit diesem Modell eigentlich auch immer recht brauchbare Ergebnisse erzielt.

    Ich bin auch ein Freunde davon, es möglichst einfach und pragmatisch zu halten. Wie Einstein schon sagte: "Man muß die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher."

    Beste Grüße nach Luxembourg
    Thomas Senf

  • #3

    Lukas (Dienstag, 12 Dezember 2017 19:37)

    Hallo Thomas!
    Tolle Seite mit sehr interessantem Content!
    Jetzt bin ich schon so lange bei der Materie und es ist faszinierend, dass man immer wieder neue Sichtweisen entdeckt!
    Beste Grüße
    Lukas

  • #4

    finanzsenf.de (Mittwoch, 13 Dezember 2017 09:42)

    Hallo Lukas,

    Danke für deinen Kommentar. Freut mich, dass dir die Seite gefällt. Ja, man lernt nie aus. Geht mir auch so :)

    Beste Grüße
    Thomas Senf

  • #5

    Andreas (Sonntag, 25 Februar 2018 09:56)

    Hallo Thomas,
    Schöner Artikel. Ich betrachte neben der Dividenrendite auch noch das durschnittliche KGV. So erhalte ich zwei Faire Werte aus dehnen ich dann den Mittelwert bilde. Das funktionirt für mich erstaunlich gut (Vergleich mit FAST Graphs). Allerdings habe ich mir bzgl. Der Daten nicht so viel Mühe gemacht. Ich nehme deine Idee mit Jahresmittelkursen dankend auf um meine Ergebnisse zu verbessern.
    LG Andreas K.

  • #6

    finanzsenf.de (Montag, 26 Februar 2018 17:15)

    Hallo Andreas,
    danke für deinen Beitrag. Ich denke auch, dass dein Verfahren gut funktioniert. Mit den Jahresmittelkursen wird es noch genauer.

    Beste Grüße
    Thomas Senf