· 

Den fairen Wert einer Aktie auf Basis der historischen Dividendenrendite ermitteln

Für die Ermittlung des fairen Wertes einer Aktie gibt es zahlreiche Berechnungsmodelle. Jedes Modell hat dabei seine Vor- und Nachteile.

 

Das Discounted Cash-Flow Verfahren (DCF) ist wissenschaftlich und mathematisch das genauste Verfahren. In der Theorie. In der Praxis stellt es den Privatanleger vor große Probleme. Es müssen zahlreiche Annahmen und Schätzungen vorgenommen werden. Die Annahmen und Schätzungen wirken sich maßgeblich auf das Ergebnis - den fairen Wert der Aktie aus. Um das DCF-Verfahren korrekt durchzuführen ist zudem ein erheblicher Zeitaufwand erforderlich.

 

Als Privatanleger kann man sich daher auch leichter anzuwendenden Verfahren zur Ermittlung des fairen Wertes einer Aktie zuwenden. Die Ergebnisse sind in der Regel nicht schlechter als beim DCF-Verfahren. Den einen fairen Wert einer Aktie gibt es sowieso nicht. Man kann sich ihm immer nur nähern.

 

Ich nutze zur Bestimmung des fairen Wertes einer Aktie u.a. die historischen Dividendenrendite des zu bewertenden Unternehmens. Im Folgenden stelle ich dieses Bewertungsmodell im Detail vor.

Anzeige

Historische Dividendenrendite - Berechnungsformel und Theorie des fairen Wertes

Die Formel zur Ermittlung des fairen Wertes einer Aktie auf Basis der historischen Dividendenrendite leitet sich aus der Formel zur Berechnung der aktuellen Dividendenrendite einer Aktie her.

 

Die Dividendenrendite ermittelt sich wie folgt:

 

Dividendenrendite = Dividende / Kurs

 

Beispiel:  Der Chemiekonzern BASF zahlt eine Dividende von 3,00 EUR je Aktie. Der aktuelle Börsenkurs der BASF-Aktie beträgt 94,00 EUR. Die aktuelle Dividendenrendite beträgt 3,19% (=3 EUR/94 EUR).

 

Die Formel stellt man nun nach dem Kurs um. Statt der aktuellen Dividendenrendite wird die historische Dividendenrendite eingesetzt. Das Ergebnis nach Umstellung der Formel sieht dann so aus:

Das Ergebnis der Berechnungsformel ist der Kurs des fairen Wertes der Aktie. Schauen wir uns nun die Formel im Detail an:

Dividende

Die Dividende lässt sich einfach bestimmen.  Ich verwende in der Regel die letzte gezahlte Dividende. Man kann aber auch die für das aktuelle Geschäftsjahr erwartete Dividende verwenden.

Historische Dividendenrendite

Wie ermittelt man nun die historische Dividendenrendite?

 

Zunächst sollte man einen ausreichend langen zurückliegenden Zeitraum von Dividendenzahlungen nehmen. Der Zeitraum sollte mindestens 3 Jahre, besser 5 oder 10 Jahre umfassen.

 

Man ermittelt dann für jedes zurückliegende Geschäftsjahr die durchschnittliche Dividendenrendite.

 

Hierfür benötigt man:

  1. Die für das Geschäftsjahr gezahlte Dividende.
  2. Den durchschnittlichen Aktienkurs des Jahres.

! Achtung !

 

Die bei den einschlägigen Finanzportalen sowie zum Teil auch in den Investor Relations Bereichen des Unternehmens angegebene Dividendenrendite des Geschäftsjahres bezieht sich in der Regel immer auf einen Stichtagskurs. Das heißt, es wird die Dividende zum Beispiel zum Kurs am 31. Dezember ins Verhältnis gesetzt.

 

Mir ist dies zu ungenau. Ich ermittele daher den durchschnittlichen Aktienkurs des Jahres mit Hilfe einer Excel-Tabelle. Über das Finanzportal ariva.de importiere ich mir die historischen Aktienkurse auf Tagesbasis (um Aktiensplits bereinigt) und ermittele daraus einen Jahresdurchschnittskurs.

 

Alternativ kann man zum Beispiel auch den Mittelwert aus den Kursen am 31. März, 30. Juni, 30. September und 31. Dezember des Geschäftsjahres verwenden. Dieser Mittelwert kommt dem Jahresdurchschnittskurs meiner Erfahrung nach sehr nahe.

 

Nach dem man auf diese Weise die historischen Dividendenrendite eines vergangenen Geschäftsjahres ermittelt hat, wiederholt man diese Übung für die übrigen Geschäftsjahre des Betrachtungszeitraums. Excel hilft hier natürlich wieder.

 

Zum Schluss bildet man aus den so ermittelten historischen Dividendenrenditen einen Mittelwert. Entweder man verwendet das arithmetische Mittel oder den Median. Der Median hat den Vorteil, dass Ausreißer den Mittelwert nicht verzerren.

 

Jetzt wird der historische Mittelwert der Dividendenrendite in die Formel eingesetzt und der fairer Wert der Aktie kann ermittelt werden.

Die Theorie

Das dargestellte Modell zur Ermittlung des fairen Wertes auf Basis der historischen Dividendenrendite basiert im Wesentlichen auf dem statistischen Effekt der Regression zur Mitte bzw. dem Mean-Reversion-Effekt.

 

Übertragen auf die Aktienbewertung wird unterstellt, dass ein Unternehmen eine spezifische, im langjährigen Durchschnitt gleichbleibende Dividendenrendite aufweist. Besonders hohe oder besonders niedrige Dividendenrenditen kehren nach diesem Konzept immer wieder zu einem langjährigen Mittelwert zurück. Dieser Mittelwert entspricht dann dem fairen Wert.

 

Voraussetzung für die Anwendung dieses Bewertungskonzeptes ist, dass sich der Charakter des Unternehmens und die grundlegende Markteinschätzung des Unternehmens im Laufe des Betrachtungszeitraums nicht wesentlich verändert hat und die Ausschüttungsquote weitgehend konstant gehalten wurde.

 

Eine Umstrukturierung, bei der wesentliche Unternehmensteile verkauft wurden, würde also gegen die Anwendung diese Bewertungskonzeptes sprechen. Haben die Gewinne des Unternehmens über Jahre hinweg stagniert und wachsen nun plötzlich mit hohen Zuwachsraten, ist das Verfahren auch eher ungeeignet.

Anzeige

Fairer Wert auf Basis der historischen Dividendenrendite am Beispiel

Nun wollen wir uns das ganze an einem Beispiel ansehen. Nehmen wir dazu wieder den Chemiekonzern BASF SE. Wir betrachten einen Zeitraum von 10 Jahren und ermitteln daraus die historische Dividendenrendite.

 

Geschäftsjahr Dividende/ Aktie Jahresdurchschnittskurs Dividendenrendite
2007 1,95 44,56 4,38%
2008 1,95 38,74 5,03%
2009 1,70 31,71 5,36%
2010 2,20 46,97 4,68%
2011 2,50 57,01 4,39%
2012 2,60 62,21 4,18%
2013 2,70 71,97 3,75%
2014 2,80 77,93 3,59%
2015 2,90 79,21 3,66%
2016 3,00 70,96 4,23%
       
    Median 4,31%
    Arithmetisches Mittel 4,33%

 

Die historische Dividendenrendite der BASF SE für einen 10 Jahreszeitraum beträgt 4,3%.  Aktuell hat die BASF SE wie im Eingangsbespiel dargestellt eine Dividendenrendite von 3,19%.  Die Aktie scheint nach diesem Bewertungskonzept also überbewertet. Wie hoch ist nun der faire Wert der Aktie?

 

Die Dividende beträgt 3,00 EUR. Die historische Dividendenrendite beträgt 4,3%. Setzen wir nun die Werte in die Formel ein, erhalten wir den fairen Wert der BASF-Aktie.

 

Der faire Wert beträgt also 69,77 EUR (3,00 EUR / 4,3%), rund 70 EUR je Aktie.

 

Die BASF-Aktie ist also nach diesem Bewertungskonzept mit einem aktuellen Kurs von 94,00 EUR überbewertet.  Nun gilt es in der weiteren, eigenen Analyse herauszuarbeiten, ob diese hohe Bewertung gerechtfertigt ist.

 

HINWEIS

Das vorgestellte Bewertungsmodell sollte nie allein und isoliert verwendet werden. Es sind stets weitere Kennzahlen und Recherchen in die Analyse mit einzubeziehen.



Kommentar schreiben

Kommentare: 13
  • #1

    Sacha Heck (Montag, 11 Dezember 2017 22:28)

    Hallo Thomas,

    Danke für diesen praktischen Ansatz. Ich mag solche praxisorientierte Modelle und versuche das in mein Strategie aufzunehmen bei meinem nächsten Screening :)

    Viele Grüße,
    Sacha

  • #2

    finanzsenf.de (Dienstag, 12 Dezember 2017 08:51)

    Hallo Sacha,

    Danke für deinen Kommentar. Ich habe mit diesem Modell eigentlich auch immer recht brauchbare Ergebnisse erzielt.

    Ich bin auch ein Freunde davon, es möglichst einfach und pragmatisch zu halten. Wie Einstein schon sagte: "Man muß die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher."

    Beste Grüße nach Luxembourg
    Thomas Senf

  • #3

    Lukas (Dienstag, 12 Dezember 2017 19:37)

    Hallo Thomas!
    Tolle Seite mit sehr interessantem Content!
    Jetzt bin ich schon so lange bei der Materie und es ist faszinierend, dass man immer wieder neue Sichtweisen entdeckt!
    Beste Grüße
    Lukas

  • #4

    finanzsenf.de (Mittwoch, 13 Dezember 2017 09:42)

    Hallo Lukas,

    Danke für deinen Kommentar. Freut mich, dass dir die Seite gefällt. Ja, man lernt nie aus. Geht mir auch so :)

    Beste Grüße
    Thomas Senf

  • #5

    Andreas (Sonntag, 25 Februar 2018 09:56)

    Hallo Thomas,
    Schöner Artikel. Ich betrachte neben der Dividenrendite auch noch das durschnittliche KGV. So erhalte ich zwei Faire Werte aus dehnen ich dann den Mittelwert bilde. Das funktionirt für mich erstaunlich gut (Vergleich mit FAST Graphs). Allerdings habe ich mir bzgl. Der Daten nicht so viel Mühe gemacht. Ich nehme deine Idee mit Jahresmittelkursen dankend auf um meine Ergebnisse zu verbessern.
    LG Andreas K.

  • #6

    finanzsenf.de (Montag, 26 Februar 2018 17:15)

    Hallo Andreas,
    danke für deinen Beitrag. Ich denke auch, dass dein Verfahren gut funktioniert. Mit den Jahresmittelkursen wird es noch genauer.

    Beste Grüße
    Thomas Senf

  • #7

    Ulrich Langer (Freitag, 12 April 2019 20:43)

    Der 'Faire Wert' stammt aus den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts.
    Mir hilft das nicht, um Unternehmen zu finden, die vermutlich die nächsten fünf bis 10 Jahre wachsen (Ergebnis pro Aktie) werden und damit im Wert steigen werden.

    Haben Sie dafür zusätzliche Hinweise zur CAGR und den Korrelationskoeffizienten?

    Gruß
    Ulrich Langer

  • #8

    Finanzsenf (Sonntag, 14 April 2019 18:05)

    Hallo Ulrich Langer,

    es gibt tatsächlich viele Weg den fairen Wert einer Aktie zu berechnen.

    Das hier vorgestellte Verfahren auf Basis der historischen Dividendenrendite ist in der Tat für Wachstumsunternehmen ungeeignet.

    In diesem Beitrag https://www.finanzsenf.de/fair-value-verfahren/ habe ich auch zukunftsorientiertere Bewertungsverfahren vorgestellt, die u.a. auch Gewinnwachstumsraten berücksichtigen und für die Bewertung von Wachstumsunternehmen eher geeignet sind.

    Der faire Wert ist aus meiner Sicht ein sehr weit gefasster Begriff. Mancher wird ihn auch als Kursziel verstehen.

    Gruß Finanzsenf

  • #9

    Karl Napf (Mittwoch, 08 Mai 2019 13:37)

    Ich halte die Orientierung an der Dividendenrendite (und insbesondere den Vergleich mit früheren Jahren desselben Unternehmens) für keine gute Idee. Sie birgt die Gefahr, den Anleger zu Geschäftsmodellen zu führen, die gerade sehr viel schlechter werden.

    Der Entwicklungsprozess eines Unternehmens durchläuft eine Reihe von Phasen, weitgehend unabhängig von Branche und Geschäftsmodell.
    Zunächst schreibt das Unternehmen Verluste, weil es investieren muss, ohne dabei nennenswerte Einnahmen zu haben; in dieser Phase versucht es, seinen Umsatz schneller zu steigern als seine Kosten, also aus den Verlusten "heraus zu wachsen".
    Ab dem Moment, wo dies gelungen ist und das Unternehmen Gewinne schreibt, muss sich die Geschäftsleitung damit befassen, wie diese Gewinne am besten zu verwenden sind.
    Solange es möglich ist, weitere Marktanteile zu gewinnen (auch durch die Übernahme kleinerer Konkurrenten, solange die Kartellbehörden dies akzeptieren) oder auf andere Märkte zu expandieren, hat dies üblicherweise Vorrang; sollten dafür temporär die Gelegenheiten fehlen, sind Aktienrückkäufe eine brauchbare Alternative (auch bei hohem KGV), da man ja davon ausgeht, weiter zu wachsen und somit den Wert der Aktie zu steigern.

    Irgendwann ist jedoch die (meist geographische) Expansion abgeschlossen und man steht im vollen Wettbewerb mit ähnlich starken Konkurrenten. In diesem Moment flacht das Wachstum zwangsläufig ab und konvergiert tentenziell gegen das Weltwirtschaftswachstum. Dies ist unvermeidlich, denn gäbe es ein Unternehmen, das dauerhaft schneller organisch (!) wachsen könnte als die Weltwirtschaft, dann würde dieses Unternehmen irgendwann einmal mehr als 100% des Weltwirtschaftsprodukts produzieren, was per Definition unmöglich ist.
    In diesem "Endzustand" verliert das Unternehmen insbesondere die Möglichkeit, durch Investitionen ins eigene Geschäftsmodell zu wachsen (und weitere Übernahmen werden von den Kartellbehörden verhindert). Die Geschäftsleitung hat keine Verwendung mehr für Geld. Coca-Cola ist ein anschauliches Beispiel für diesen Endzustand.

    Deshalb bleiben am Ende der Entwicklung des Geschäftsmodells nur noch zwei Möglichkeiten übrig: Die Ausschüttung von Dividenden und der Rückkauf eigener Aktien. In dieser Phase beginnen viele Unternehmen überhaupt erst mit der Dividendenzahlung - was von den Dividendenfans als erfreuliche Nachricht gefeiert wird (insbesondere weil die Unternehmen mit sehr niedrigen Ausschüttungsquoten beginnen, um diese anschließend jährlich deutlich stärker steigern zu können als ihren Gewinn), ist de facto der Hissen der weißen Flagge: "Tut uns Leid, liebe Aktionäre, uns gehen die Ideen aus, deshalb müssen wir Euch die erzielten Gewinne ausschütten, obwohl diese dabei sofort von Euch noch einmal versteuert werden müssen - bitte sucht Euch dafür eine sinnvollere Verwendung, als wir sie Euch bieten können."

    Für diesen Reifeprozess der Unternehmen gibt es zahlreiche Beispiele. Am anschaulichsten finde ich dabei die Technologiebranche, also die Apple, Cisco, Intel, Microsoft und SAP dieser Welt. Zu Beginn des Jahrtausends konnten diese Unternehmen ihr EPS jährlich um deutlich zweistellige Prozentwerte steigern, da wäre die Ausschüttung einer Dividende ein Frevel gewesen, weil sie das organische Wachstum unnötig verlangsamt hätte. Im Laufe der Jahre flachte diese Wachstum jedoch ab, und einer nach dem anderen begann mit der Ausschüttung einer Dividende.
    Diese Beobachtung sollte insbesondere den "Dividendensammlern" zeigen, dass sie in ihrem Depot sehr wohl auch Wachstumsaktien haben dürfen, ohne zu Beginn der Entnahmephase "umschichten zu müssen". Denn auch ein reinrassiges Wachstumsdepot "degeneriert" im Lauf der Jahrzehnte zu einem Dividendendepot, weil immer mehr Unternehmen an den Sättigungspunkt ihrer Expansionsphase stoßen und sich dann automatisch in Dividendenzahler verwandeln.

  • #10

    Karl Napf (Mittwoch, 08 Mai 2019 13:39)

    Das hier gebrachte Beispiel von BASF ist allerdings von diesem Effekt nicht betroffen, weil es seine Expansionsphase schon vor Jahrzehnten verlassen hat.
    Insofern ist der Vergleich der aktuellen Dividendenrendite mit dem Durchschnittswert der Vergangenheit scheinbar (!) zulässig.

    Das Problem ist allerdings, dass man sich dabei an einem Symptom orientiert und nicht an einer Ursache. Eine Ursache für die derzeit relativ attraktive Dividendenrendite von BASF ist nämlich, dass BASF seine Ausschüttungsquote "im Herbst seines Geschäftsmodells" noch ein weiteres Mal deutlich erhöht hat:
    2007: 1,95 € Dividende / 4,16 € EPS = 47% Ausschüttung
    2008: 1,95 € Dividende / 3,85 € EPS = 51% Ausschüttung
    2009: 1,70 € Dividende / 3,01 € EPS = 56% Ausschüttung
    2010: 2,20 € Dividende / 5,73 € EPS = 38% Ausschüttung
    2011: 2,50 € Dividende / 6,26 € EPS = 40% Ausschüttung
    2012: 2,60 € Dividende / 5,64 € EPS = 46% Ausschüttung
    2013: 2,70 € Dividende / 5,31 € EPS = 51% Ausschüttung
    2014: 2,80 € Dividende / 5,44 € EPS = 51% Ausschüttung
    2015: 2,90 € Dividende / 5,00 € EPS = 58% Ausschüttung
    2016: 3,00 € Dividende / 4,83 € EPS = 62% Ausschüttung
    2017: 3,10 € Dividende / 6,44 € EPS = 48% Ausschüttung
    2018: 3,20 € Dividende / 5,87 € EPS = 55% Ausschüttung
    (jeweils auf der Basis des um einmalige Effekte bereinigten EPS)
    2019e: 3,26 € Dividende / 4,75 € EPS = 69% Ausschüttung
    2020e: 3,36 € Dividende / 5,26 € EPS = 64% Ausschüttung
    2021e: 3,46 € Dividende / 5,72 € EPS = 60% Ausschüttung
    Die aktuelle Dividendenrendite bei über 60% Ausschüttungsquote zu vergleichen mit der Dividendenrendite vor 10 Jahren bei etwa 40% Ausschüttungsquote ist Augenwischerei, weil das Geschäftsmodell von BASF zyklische Elemente enthält (Bauchemie, Autolacke etc.) und im nächsten Wirtschaftsabschwung das EPS wieder schrumpfen wird. Schon bei 51% Ausschüttungsquote 2008 war anschließend eine Dividendenkürzung notwendig, welche die auf den Erhalt der Ausschüttung angewiesenen Aktionäre nicht gerade erfreut haben dürfte - bei derzeit 60-70% müsste die nächste Dividendenkürzung in der nächsten Krise deutlich heftiger ausfallen, um noch durch das EPS hinreichend gut gedeckt zu sein. Denn BASF hat ja weiterhin die Möglichkeit, durch Zukäufe zu wachsen, wie die Übernahme des Saatgutgeschäfts von Bayer gerade gezeigt hat, und will diese Möglichkeiten insbesondere während einer Wirtschaftskrise durch antizyklische Übernahmen nutzen können.

    Relativ betrachtet schüttet BASF also einen um die Hälfte größeren Anteil seines Gewinns aus als vor 10 Jahren, um näherungsweise dieselbe Dividendenrendite zu schaffen. Fairerweise müsste man diese Steigerung der Ausschüttungsquote aus dem Vergleich herausnehmen, um auf ein aussagekräftigeres Ergebnis zu kommen.
    Und genau dies erreicht man, wenn man sich nicht an den Symptomen orientiert, sondern an der Ursache. Die Ursache für das Vorhandensein des als Dividende ausschüttbaren Kapitals ist der Nettogewinn pro Aktie, also das EPS. Was man also vergleichen müsste, das wäre die Entwickung des EPS / Aktienkurs, die "Gewinnrendite" der Aktie.
    Der Kehrwert dieser "Gewinnrendite", nämlich Aktienkurs / EPS, ist aber das KGV der Aktie! Vergleicht man das aktuelle KGV von BASF (15) mit dem Durchschnittswert der Vergangenheit (10 bis zur Finanzkrise, 11 inklusive der aktuellen finanziellen Repressionsphase), dann sieht man, dass die Aktie im historischen Vergleich 135-150% ihrer normalen Bewertung kostet.

    Die Steigerung der Ausschüttungsquote ist ein "Rosstäuschertrick", der den Blick auf die viel wichtigere Gewinnentwicklung des Unternehmens verstellt. Und diese Steigerung ist nicht beliebig wiederholbar - spätestens beim Erreichen von 100% wird das Wachstum der Ausschüttungsquote enden müssen.

  • #11

    Karl Napf (Mittwoch, 08 Mai 2019 13:58)

    Was ich an diesem Artikel gut finde, das ist die Beschreibung der Mess(un)genauigkeit der Dividendenrendite. Beim KGV hat man exakt dasselbe Problem.

    Es gibt Aktien, bei denen ein Messpunkt pro Bilanzjahr für den KGV-Durchschnitt zu brauchbaren Ergebnissen führt, und Aktien, bei denen die Berücksichtigung der kompletten Zeitreihen relativ zu einem taggenau interpolierten EPS um ca. 10% von der simplen Methode abweicht.
    Was von beidem der Fall ist, das kann man näherungsweise aus den berechneten Werten für das KGV selbst ableiten: Je stärker diese Werte von Jahr zu Jahr schwanken, desto größer ist die Gefahr, dass sich in den Intra-Year-Schwankungen eine Bewertungsänderung versteckt, die bei nur einem Messpunkt pro Bilanzjahr übersehen wird.

    Ich verwende daher eine Funktion, um das "Rauschen" in den KGV-Daten zu messen (http://www.community.hamsterrad-system.de/index.php?thread/90-fork-google-schwarm-working/&postID=595#post595) und dadurch die Größenordnung der zu erwartenden Messungenauigkeit abzuschätzen.
    Spätestens vor jeder Kaufentscheidung gehe ich dann auf die tagesgenaue Berechnungsmethode über.

  • #12

    Finanzsenf (Mittwoch, 08 Mai 2019 14:35)

    Danke für den Kommentar Karl Napf.

    Der Hinweis auf die konstante Ausschüttungsquote bei Anwendung dieser Methode ist natürlich richtig. Das hatte ich hier wohl versehentlich nicht erwähnt. Anders als bei dem Beitrag zum Dividend Discount Model. Ich habe es entsprechend ergänzt. Danke.

  • #13

    Karl Napf (Mittwoch, 08 Mai 2019 16:02)

    Wenn man die Änderung der Ausschüttungsquote berücksichtigt, dann wird die Betrachtung der Dividendenrendite redundant gegenüber der Betrachtung des KGV.

    Meine Kritik an der Dividendenrendite als isolierte Bewertungskennzahl geht aber noch viel weiter.

    Dividendenausschüttung und Aktienrückkauf sind untereinander austauschbar: Für zusätzliche 1% Dividendenrendite hätte das Unternehmen auch 1% aller eigenen Aktien kaufen können.
    Erhöht ein Unternehmen also seine Ausschüttungsquote, dann bleibt weniger Cash für den gleichzeitigen Rückkauf eigener Aktien übrig.
    Dieser Rückkauf hätte jedoch das EPS der Aktie erhöht (weil der konstant große "Ergebniskuchen" auf eine geringere Anzahl von "Stücken" verteilt werden muss), und unter der Annahme eines auf lange Sicht konstanten KGV (bei näherungsweise konstantem operativen Wachstum) übersetzt sich EPS-Wachstum auf lange Sicht (!) 1:1 in Kursanstieg.

    Eine hohe Dividendenrendite sagt für sich genommen überhaupt nichts aus, weil sie zu Lasten des EPS-Wachstums gehen muss.
    Und was effektiv im Depot ankommt, das ist die Summe aus EPS-Wachstum p.a. und Dividendenrendite. Insbesondere kann das EPS-Wachstum auch negativ werden (und in der Folge zu Dividendenkürzungen führen), wie Anleger in den "Dividendenaktien" RWE bzw. E.On aus leidvoller Erfahrung wissen.

    BASF ist auf mittlere Sicht eine "1+5"-Aktie mit nur noch 1% EPS-Wachstum und 5% Dividendenrendite - das ist in der Summe weniger als die langfristige Aktienmarktperformance.
    Nestlé kommt - nach Umrechnung des bereinigten EPS-Wachstums von Schweizer Franken in Euro - immerhin auf "5+3", und bei SAP sind es "8+1". Dividenden allein sind nicht zielführend.
    (Tatsächlich ist die Summe aus EPS-Wachstum und Dividendenrendite für Unternehmen mit hoher Ausschüttungsquote sogar unterdurchschnittlich hoch - und das ist logisch, weil dies ja genau diejenigen Unternehmen sind, die nicht mehr stark wachsen können.)

    Die "Dividendenstrategien" beruhen auf dem Irrglauben, dass die Dividende eine Wertschöpfung darstellen würde - sie ist aber nur eine Verwendung (!) der Wertschöpfung, genau wie Aktienrückkäufe und Spartenzukäufe (welche - hoffentlich - beide das EPS steigern).
    Gestützt wird dieser Irrglaube durch Statistiken, die "beweisen", dass die Hälfte der Aktienmarktperformance "aus Dividendenzahlungen stammt". Dies ist für den Gesamtmarkt zutreffend, weil dieser viele Unternehmen ohne Wachstum umfasst; filtert man jedoch die "Bleienten" aus dem Aktienmarkt heraus, dann schrumpft der Anteil der Dividende an der Wertschöpfung beträchtlich (siehe SAP).

    Die tatsächliche Wertschöpfung ist die Summe aus organischem Wachstum p. a. und "Gewinnrendite" (= 1 / KGV).
    Aktien mit einem KGV von 11-12 (und nichtzyklischem Geschäftsmodell! Bei Zyklikern ist das KGV als Kennzahl nicht verwendbar, weil der Nenner zu stark streut) könnten die Aktienmarktrendite völlig ohne Wachstum erwirtschaften, Nestlé für KGV 23 =~ 4,3% "Gewinnrendite" muss dafür 4-5% p.a. an organischem Wachstum (ohne Aktienrückkäufe) hinkriegen, BASF für KGV 15 =~ 6,7% "Gewinnrendite" bräuchte knappe 2% p.a. an organischem Wachstum (also kaum mehr als einen Inflationsausgleich).